![]() |
| You
are in the MOST Phase I website (1994-2003). The MOST Phase II website is available at: www.unesco.org/shs/most. |
|
(UH) Die UNESCO leistet mit ihrem sozialwissenschaftlichen Programm zur Gestaltung des sozialen Wandels (Management of Social Transformations/MOST) einen Beitrag zu den Folgemaßnahmen des Erdgipfels in Rio de Janeiro. lm Rahmen von MOST hat das Frankfurter Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) das Projekt »Nachhaltigkeit als ein sozialwissenschaftliches Konzept« durchgeführt, das als Leitprojekt für die forschungsmethodologische und konzeptionelle Sichtweise von MOST beispielhaft ist. Der folgende Artikel stellt das Projekt vor. Als Ergebnis dieses Projekts haben die Teilnehmer des Abschluß-Workshops im November 1996 in Frankfurt einen »Aufruf für ein verbessertes (sozial-)wissenschaftliches Verständnis von Nachhaltigkeit« verabschiedet, in dem sie sich mit konkreten Vorschlägen an die VN-Vollversammlung richten. (Der Aufruf ist auf Seite 83 abgedruckt. Weitere Informationen über das UNESCO-MOST-Programm auf Seite 78.) Fünf Jahre nach der VN-Konferenz über »Umwelt und Entwicklung« in Rio 1992 ist die wissenschaftliche Herangehensweise an Fragen einer »nachhaltigen Entwicklung« noch immer von naturwissenschaftlichen Problembeschreibungen dominiert. lm Vordergrund stehen Indikatoren der Umweltbelastung und die Suche nach Umweltqualitätszielen sowie die Überwachung und Prognose von Umweltveränderungen im globalen Maßstab. Dabei stellt die mögliche Erwärmung der Erdatmosphäre den wichtigsten Bezugspunkt sowohl der politischen Diskussion wie auch der wissenschaftlichen Forschung im Nach-Rio-Prozeß dar. In den Sozialwissenschaften hat die in der Agenda 21 erhobene Forderung nach einer Intensivierung interdisziplinärer Forschung über die Auswirkungen des wirtschaftlichen und sozialen Verhaltens auf die Umwelt bisher keinen nennenswerten Widerhall gefunden. Eine Ausnahme stellen allenfalls die Wirtschaftswissenschaften dar, wo zumindest in Teilbereichen im Zusammenhang mit der Entwicklung von Methoden und Instrumenten zu einem nachhaltig(er)en Ressourceneinsatz (Ökobilanzen, Energiesteuern, Zertifikatsregelungen) die physische Dimension ökonomischer Prozesse thematisiert wird. Die Frage, welche theoretischen, methodischen oder politischen Implikationen die Diskussion um Nachhaltigkeit für die Sozialwissenschaften insgesamt sowie für die einzelnen Disziplinen hat oder haben könnte, wurde bisher aber nicht systematisch gestellt. Diese Situation unterstreicht die besondere Bedeutung des internationalen
Forschungsprojekts »Nachhaligkeit als ein sozialwissenschaftliches
Konzept« im Rahmen des UNESCO-Programms zur Gestaltung des sozialen
Wandels (Management of Social Transformations/MOST), von dem wichtige wissenschaftliche
und forschungspolitische Impulse ausgegangen sind. Das Frankfurter Institut
für sozial-ökologische Forschung (ISOE) organisierte das Projekt,
an dem Sozialwissenschaftler aus 17 Ländern und vier Kontinenten beteiligt
waren. Es bot erstmals die Gelegenheit zu einer internationalen Verständigung
über Perspektiven einer Neuorientierung der Sozialwissenschaften mit
Blick auf »Nachhaltige Entwicklung« sowie zur Erörterung
von Möglichkeiten zur Stärkung der sozialwissenschaftlichen Nachhaltigkeitsforschung.
Das Projekt ist der erste Beitrag Deutschlands zum UNESCO-MOST-Programm
und wurde mit deutschen Treuhandmitteln durchgeführt.
Ergebnisse des Abschluß WorkshopsNachdem die beteiligten WissenschaftlerInnen (aus Wirtschaftswissenschaft, Soziologie, Politikwissenschaft, Psychologie, Demographie Geographie und Sozialanthropologie) im Verlauf des einjährigen Projekts zunächst Stand und Perspektiven der Nachhaltigkeitsdiskussion in ihren Ländern und Disziplinen untersucht hatten, fand vom 20. bis 23. November 1996 in Frankfurt am Main ein abschließender Workshop statt. Zentrale Themen des Workshops waren die Klärung des Nachhaltigkeitskonzepts und seiner Implikationen hinsichtlich der Entwicklung neuer Indikatorensysteme, die Frage nach Akteuren für die Umsetzung von Nachhaltigkeitspolitiken in einem globalen Kontext und eine Agenda für internationale, sozialwissenschaftlich orientierte Nachhaltigkeitsforschung. Als ein unmittelbares Ergebnis entstand ein Aufruf mit konkreten Vorschlägen zur Verbesserung der sozialwissenschaftlichen Nachhaltigkeitsforschung, der sich im Zusammenhang mit der Evaluierung des Rio-Nachfolgeprozesses an die VN-Vollversammlung richtet.Die Projektteilnehmer waren sich darin einig, daß »Nachhaltige Entwicklung« kein klar definierbares wissenschaftliches Konzept darstellt, sondern eher als ein umstrittenes diskursives Feld angesehen werden muß, in dem normative, analytische und strategische Aspekte miteinander verflochten sind. Die entscheidende Frage der Nachhaltigkeitsdebatte besteht aus sozialwissenschaftlicher Sicht darin, wie Gesellschaften die Gestaltung der materiellen Bedingungen ihrer Reproduktion transformieren können und welche ökonomischen, politischen, kulturellen und ethischen Grundlagen die Verteilung von Umweltressourcen bestimmen. Die Einsicht, daß sich Nachhaltigkeit in erster Linie auf gesellschaftliche Prozesse bezieht, hat weitreichende Konsequenzen. Die Diskussion um Nachhaltigkeit kann nicht auf den Schutz der natürlichen Umwelt, noch auf die rationelle Bewirtschaftung von Ressourcen reduziert werden, sondern muß neben ökonomischen auch soziale, politische und kulturelle Faktoren in Betracht ziehen. Die Unterschiedlichkeit von Gesellschaften bedeutet auch, daß es verschiedene »Pfade« für »Nachhaltige Entwicklung« geben kann und muß. Für die Entwicklung von Nachhaltigkeitsindikatoren folgt daraus zum Beispiel, daß nicht nur die physischen Auswirkungen ökonomischer Aktivitäten, sondern auch Aspekte wie Lebensqualität und die Fähigkeit politischer Institutionen zur Unterstützung nachhaltigkeitsorientierter Transformationsprozesse in Betracht gezogen werden müssen. Weiteres Thema des Workshops war die veränderte Rolle von Wissenschaft im Zusammenhang mit der Nachhaltigkeitsdebatte. Hier stehen Wissenschaftler vor der Aufgabe, eine problembezogene und interdisziplinär orientierte Arbeitsweise zu entwickeln, die vor der Einbeziehung von und der Auseinandersetzung mit nichtwissenschaftlichen Experten (lokale Gruppen »vor Ort«, NROs, politische Entscheidungsträger) nicht zurückscheut. Auf einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung des Workshops mit geladenen Gästen aus Wissenschaft und Politik wurde die Gefahr angesprochen, daß gegenwärtig die auf internationale Gerechtigkeit zielende normative Basis des Nachhaltigkeitsgedankens im Rahmen der Globalisierungsdebatte zerrieben zu werden droht. Dies führt nicht unbedingt zu einem Verschwinden der Nachhaltigkeits-Rhetorik, ledoch wird diese auf Konkurrenz und Wettbewerb bezogen und in Richtung eines auf technisch-ökonomische Rationalisierung verkürzten Projekts der ökologischen Modernisierung verschoben. Eine Folge davon ist, daß Forschungs- und Technologiepolitik zunehmend unter dem Aspekt einer »Standortsicherung« betrieben wird. Gerade vor diesem Hintergrund wiesen die Projektteilnehmer auf die außerordentliche Bedeutung gemeinsamer internationaler Bemühungen zur Erforschung der Nachhaltigkeitsproblematik hin. Wie das Frankfurter Projekt gezeigt hat, kann das MOST-Programm der UNESCO als ein geeigneter internationaler Rahmen für interdisziplinäre, sozialwissenschaftlich orientierte und politikrelevante Nachhaltigkeitsforschung eine entscheidende Rolle spielen:
Ausführliche Angaben über die Teilnehmer sowie weitere Informationen über Zielsetzung und Verlauf des Projektes sind verfügbar über die web site des MOST-Programms : http://www.unesco.org/most/sustintr.htm und über die homepage des ISOE : http://www.rz.uni-frankfurt.de/isoe |
To MOST Clearing House Homepage