UNESCO Social and Human Sciences
 
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  This article was published in UNESCO heute No. 44, Edition I-II, Spring/Summer 1997.
UNESCO heute is a magazine published by the German UNESCO Commission.

Für ein verbessertes (sozial-)wissenschaftliches
Verständnis von Nachhaltigkeit

Aufruf anläßlich der internationalen Konferenz »Sustainability as a Concept of Social Sciences« im Rahmen des UNESCO-MOST-Programms im November 1996 in Frankfurt am Main

Im Hinblick auf das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung hebt die AGENDA 21, das Abschlußdokument der Konferenz über Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio 1992, die Bedeutung neuer wissenschaftlicher Anstrengungen und Ansätze hervor, insbesondere in Bezug auf die folgenden vier »Programmbereiche«:
  • Stärkung der wissenschaftlichen Grundlage für nachhaltiges Handeln,
  • Vertiefung des wissenschaftlichen Verständnisses,
  • Verbesserung der langfristigen wissenschaftlichen Bewertung,
  • Aufbau wissenschaftlicher Kapazitäten und Erschließung des wissenschaftlichen Potentials.
»Die Intensivierung der Forschung durch Verklammerung von Natur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften« wird in der AGENDA 21 als dringend erforderlich erachtet, »um zu einem besseren Verständnis sowohl der Auswirkungen des wirtschaftlichen und sozialen Verhaltens auf die Umwelt sowie umgekehrt der Auswirkungen der zunehmenden Belastung der Umwelt auf die Wirtschaft auf lokaler und globaler Ebene zu gelangen.« Während die Umweltforschung traditionell von den Naturwissenschaften geprägt worden ist, bleibt bislang aber die Förderung und Einbeziehung der Sozialwissenschaften in interdisziplinäre Forschungsvorhaben auf diesem Gebiet hinter den Erwartungen an den Rio-Nachfolgeprozeß zurück. Sowohl seitens der Sozialwissenschaftlerlnnen als auch der PolitikerInnen sind daher neue strategische Bemühungen notwendig, zumal nachhaltige Entwicklung nicht allein die Erhaltung der Natur oder das Management von Ökosystemen beinhaltet, sondern in einem umfassenderen und grundlegenderen Sinne auf neue Modelle gesellschaftlicher Entwicklung und sozialer Transformation abzielt. Nachhaltigkeit bezieht sich auf die Aufrechterhaltbarkeit gesellschaftlicher Naturverhältnisse über lange Zeitperioden hinweg. Ökologische Nachhaltigkeit ist daher eng verbunden mit vermeintlich rein innergesellschaftlichen Strukturproblemen wie soziale Gerechtigkeit, Gleichstellung der Geschlechter und politische Partizipation lokaler Akteure.

Im Hinblick auf derartige Fragen sind substantielle, problemorientierte Beiträge der Sozialwissenschaften für ein adäquates Verständnis von Nachhaltigkeit zweifellos unabdingbar. Dies bedeutet auch, daß sich die Natur- wie die Sozialwissenschaften einem lokalen, umweltbezogenen Wissen ebenso öffnen müssen wie unterschiedlichen kulturellen und geschlechtsspezifischen Erfahrungen. Auf diese Weise wird das Verstândnis von Nachhaltigkeit in ihren ökologischen, ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Aspekten vertieft und die Vorherrschaft hegemonialer, technokratischer und ethnozentrischer Interpretationen verhindert.

Um die Rolle der Sozialwissenschaften innerhalb der Nachhaltigkeitsforschung zu stärken, halten wir folgende wissenschafts- und forschungspolitischen Maßnahmen für besonders dringlich:

  • Von entscheidender Bedeutung ist die Einrichtung neuer interdisziplinärer Forschungsprogramme sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene. Innerhalb dieser neuen Forschungsprogramme sollten die Sozialwissenschaften nicht nur die Rolle einer Hilfswissenschaft für naturwissenschaftliche Experten oder nationale Regierungen spielen, vielmehr besteht ihre Aufgabe darin, die Vielfalt kultureller, regionaler und geschlechtsbezogener Perspektiven in Hinblick auf nachhaltige Entwicklung zum Ausdruck zu bringen.
  • Eng verbunden damit ist die Notwendigkeit, wissenschaftliche Kapazitäten für die Nachhaltigkeitsforschung aufzubauen, insbesondere in den sogenannten Entwicklungsländern.
  • Nicht zuletzt müssen sich die Sozialwissenschaftlerlnnen selbst engagiert an einem Prozeß der Neuorientierung beteiligen sowohl in Bezug auf neue Fragestellungen wie auch hinsichtlich einer inter- oder transdisziplinären Zusammenarbeit nicht nur innerhalb der Sozialwissenschaften, sondern auch mit den Naturwissenschaften.
Angesichts dieser Situation und mit dem Ziel einer Stärkung des Kapitels 35 der AGENDA 21 fordern wir:

1. Als ein geeigneter Rahmen für nachhaltigkeitsbezogene und politikrelevante Forschung in den Sozialwissenschaften soll das MOST-Programm (»Management of Social Transformations«) der UNESCO eine zentrale Rolle in internationalen Forschungsaktivitäten zu nachhaltiger Entwicklung spielen. Daher fordern wir die Regierungen - vor allem der Industrieländer - wie auch internationale Institutionen auf, dem MOST-Programm in finanzieller wie in organisatorischer Hinsicht eine größere und angemessenere Unterstützung zuteil werden zu lassen, um so die Grundlage für eine interdisziplinäre und problemorientierte sozialwissenschaftliche Nachhaltigkeitsforschung zu schaffen.

2. lm Interesse des Schaffens sozialwissenschaftlicher Kapazitäten für die Nachhaltigkeitsforschung besteht dringender Bedarf an neuen Formen interdisziplinärer Forschungsinstitute und -organisationen, die in der Lage sind, die breite Vielfalt der mit dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung verbundenen Probleme zu untersuchen. Die Einrichtung neuer interdisziplinärer »Centers for Sustainability Studies« auf internationaler, nationaler und vor allem regionaler Ebene wäre ein geeigneter und erfolgversprechender erster Schritt zu diesem Ziel. Darüber hinaus müssen die bestehenden Institutionen für »Development Studies« die verschiedenen Dimensionen von Nachhaltigkeit in ihre Arbeit aufnehmen. Dies impliziert sowohl eine Neuorientierung der Ausbildung und Forschung in den industrialisierten Ländern des Nordens als auch den Aufbau eigenständiger und unabhängiger Ausbildungs- und Forschungskapazitäten in den Ländern des Südens. Interdisziplinäre Postgraduierten-Programme mit entsprechenden Curricula sollten an den Universitäten des Nordens und des Südens eingerichtet werden. Das UNITWIN Chairs-Programm der UNESCO kann diesbezüglich als ein geeigneter Rahmen genutzt werden. Auch hier sollten sich die Industrieländer in stärkerem Maße für eine Unterstützung der beschriebenen Prozesse engagieren.

3. Insofern das Konzept der Nachhaltigkeit eine grundlegende Herausforderung auf theoretischer und methodologischer Ebene darstellt, ist eine Neuorientierung der Sozialwissenschaften selbst erforderlich. Dies beinhaltet

  • erstens, Fragen, die für das Verständnis von Nachhaltigkeit von entscheidender Bedeutung sind, wie Landnutzung, gesellschaftlicher Umgang mit natürlichen Ressourcen wie Wasser oder Holz, Produktionsformen und Konsummuster, der Verlust der Biodiversitât etc. in den Sozialwissenschaften verstärkte Aufmerksamkeit zu widmen;
  • zweitens die Verbesserung und Intensivierung der interdisziplinären Kooperation zwischen den verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Dies ist unerläßIich für ein integriertes und umfassendes Verständnis von Entwicklungsprozessen und von den Beziehungen zwischen Individuen und Umwelt in ihren sozialen, geschlechtsspezifischen, politischen, ökonomischen, psychologischen und kulturellen Aspekten. Unter dieser Perspektive müssen die historisch entstandenen Abgrenzungen zwischen den sozialwissenschaftlichen Disziplinen neu untersucht, und geeignete Methodologien für interdisziplinäre Forschung entwickelt werden;
  • drittens die Ausweitung der problemorientierten Kooperation zwischen den Sozial- und Naturwissenschaften zu Themen- und Fragestellungen der Nachhaltigkeit. Von entscheidender Wichtigkeit ist hierbei, daß Natur- und Sozialwissenschaften bereits von Anfang an, beginnend bei der Definition der zu untersuchenden Probleme, gleichberechtigt zusammenarbeiten.
4. Das Projekt »Sustainability as a Concept of Social Sciences« innerhalb des MOST-Programms der UNESCO hat wichtige wissenschaftliche und forschungspolitische Impulse für eine Neuorientierung der Sozialwissenschaften hinsichtlich der durch Nachhaltigkeit aufgeworfenen Fragestellungen gegeben. Darüber hinaus stellt es einen Ausgangspunkt dar für die Initiierung einer internationalen Diskussion und den Aufbau eines internationalen Netzwerks von (Sozial)WissenschaftlerInnen, die zum Thema Nachhaltigkeit forschen. PolitikerInnen, die an Fragen der Nachhaltigkeit interessiert sind, sollten ebenfalls Zugang zu diesem Netzwerk haben. Zur Förderung sozial-wissenschaftlicher Nachhaltigkeitsforschung sollten exemplarische Forschungsprojekte entworfen werden, die interkulturell und komparativ orientiert sind. Innerhalb dieses Rahmens sollte die Untersuchung von politischen Maßnahmen im Vordergrund stehen, mit deren Hilfe die Industrieländer zu einem globalen Wandel hin zu nachhaltigen Entwicklungsmustern beitragen können.
 
Wirksame Schritte in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung können nur dann erfolgen, wenn nationale Regierungen und Entwicklungshilfeorganisationen in den Industrieländern, das VN-System - besonders UNESCO, UNDP, UNEP -, die Weltbank, der Globale Umweltfonds (GEF), die Europäische Union sowie auch private Stiftungen bereit sind, die sozialwissenschaftliche Forschung auf breiter organisatorischer und finanzieller Basis zu unterstützen. Die Förderung internationaler sozial-wissenschaftlicher Pilotprojekte zu Nachhaltigkeit, an denen Wissenschaftlerlnnen aus Ländern des Nordens und des Südens gleichermaßen beteiligt sind, ist ein erster Schritt zu diesem Ziel.
 

ErstunterzeichnerInnen des Aufrufs

Professor Henri Acselrad, Institute for Urban and Regional Planning (IPPUR), Federal University of Rio de Janeiro, Brazil

Professor Egon Becker, Institute for Social-Ecological Research, Frankfurt, and Department of Educational Sciences, University of Frankfurt, Germany

Dr Tatjana Bochkareva, Institute of Geography, Russian Academy of Sciences, Moscow, Russia

Professor Rosi Braidotti, Women’s Studies Department, University of Utrecht, The Netherlands

Professor Lothar Brock, Department of Social Sciences, University of Frankfurt, Germany

Professor Nazli Choucri, Department of Political Science, MIT, Cambridge MA, USA

Professor Margrit Eichler, Department of Sociology in Education, Ontario Institute for Studies in Education, University of Toronto, Canada

Dr Marina Fischer-Kowalski, Institute for Interdisciplinary Research and Continuing Education, Innsbruck, Klagenfurt, Vienna, Austria

Professor John Gowdy, Department of Economics, Rensselaer Polytechnic Institute, Troy NY, USA

Dr Ramachandra Guha, Bangalore, India

Professor Paulina Makinwa-Adebusoye, Nigerian Institute of Social and Economic Research (NISER), Ibadan, Nigeria

Professor Joan Martinez Alier, Department of Economics and Economic History, Autonomous University of Barcelona, Spain

Professor Hisayoshi Mitsuda, Department of Sociology, Bukkyo University, Kyoto, Japan

Professor Robert Paehlke, Department of Political Studies and Environmental and Resource Studies Program, Trent University, Peterborough, Canada

Dr Shalini Randeria, Institute of Sociology, Free University, Berlin, Germany

Professor Carlos Reboratti, Director, Institute of Geography, University of Buenos Aires, Argentina

Professor Michael Redclift, Wye College, University of London, Great Britain

Professor Ignacy Sachs, Centre de Recherches sur le Brésil contemporain, Ecole des Hautes études en sciences sociales, Paris, France

Professor Rusong Wang, Department of Systems Ecology, Research Center for Eco-Environmental Sciences (RCEES), Chinese Academy of Sciences (CAS), Beijing, China

Professor Carol Werner, Department of Psychology, University of Utah, Salt Lake City, USA

 
Dieser Aufruf richtet sich im Zusammenhang mit der Bewertung des Rio-Nachfolge-Prozesses an die VN-Generalvollversammlung. Weitere Adressatinnen sind nationale und internationale Wissenschaftseinrichtungen, sowie wissenschafts- und forschungspolitische Organisationen, die in diesem Bereich tätig sind.

Die Erstunterzeichnerinnen sind die TeilnehmerInnen des UNESCO-MOST Projekts « Sustainability as a Concept of Social Sciences ». Weitere Personen sind herzlich eingeladen, den Aufruf zu unterstützen. Wer dies tun möchte, wird um eine entsprechende Mitteilung an das Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt gebeten.
 

Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE)
Hamburger Allee 45
D-60487 Frankfurt am Main
Telefon : 069-700012
Fax : 069-777341
email : isoegmbh@t-online.de


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